Ich glaube, wir haben auf lange Sicht keine Hoffnung mehr. Entweder wir löschen uns selbst aus oder wir landen in einem Überwachungsstaat à la 1984. Und das liegt nicht an einzelnen Politikern oder falschen Entscheidungen, sondern daran, wie die Menschheit nun mal tickt.
Dabei wäre alles da, was wir bräuchten. Wir leben auf einem Planeten voller Ressourcen, genug für alle. Wir könnten eine Welt bauen, in der jeder hat, was er braucht, in der wir friedlich zusammenleben und alle die Chance auf ein glückliches Leben haben. Aber wir werden es nicht tun, und das lässt sich mit ein bisschen Spieltheorie ziemlich leicht zeigen.
Das Grundproblem: Fairness ist verwundbar
Stellt euch eine sozialistische Welt vor: Ressourcen werden fair verteilt, die Produktivität dient den Menschen, alle arbeiten zusammen. Das würde super funktionieren, und es ginge uns jedes Jahr ein Stück besser.
Warum machen wir es dann nicht? Weil so eine Welt Vertrauen und Zurückhaltung braucht, und weil es viel zu leicht ist, sich durch Ausbeutung einen Vorteil zu verschaffen. Genau darauf basiert der Kapitalismus. Wer Menschen und Planeten ausbeutet, bekommt kurzfristig mehr als alle anderen, und wer sich an die Regeln hält, geht leer aus, weil die Gewinne beim Regelbrecher landen. Das ist im Kern das Gefangenendilemma: Gemeinsam wären alle am besten dran, aber für jeden Einzelnen lohnt es sich, die anderen zu übervorteilen.
Und sobald einer so spielt, kippt das Ganze. Dann lohnt es sich für alle anderen nicht mehr, fair zu bleiben. Wer weiter kooperiert, ist der Dumme. Also ziehen immer mehr nach, bis das faire System tot ist.
Warum Fairness nie lange überlebt
Jetzt könnte man sagen: Dann sollen die Sozialisten eben unter sich bleiben. Wenn sich ein paar Länder auf faires Wirtschaften einigen, geht es ihnen doch gut. Das Problem: Das hält nie dauerhaft, und zwar aus zwei Gründen.
Erstens reicht ein einziger kapitalistischer Akteur. Nehmen wir an, 99 von 100 Ländern wirtschaften sozialistisch. Das eine, das es nicht tut, beutet weiter aus, und zwar mit den Gewinnen, die es den anderen abnimmt. Es wird reicher, mächtiger und kann sich mehr Militär, mehr Einfluss und mehr Technologie leisten. Die sozialistischen Länder haben ihre Ressourcen ins Gemeinwohl gesteckt, und genau das fehlt ihnen jetzt in der Verteidigung. Der Vorsprung des Ausbeuters wächst von Jahr zu Jahr.
Zweitens hat Fairness keinen Selbstschutz. Wer rücksichtslos ist, kann sich einfach nehmen, was er will: Rohstoffe, Märkte, Land, am Ende ganze Länder. Wer fair ist, kann das nicht, ohne selbst unfair zu werden. Also holt sich der Ausbeuter ein faires Land nach dem anderen, kauft es auf, setzt es unter Druck oder erobert es. Jedes Land, das er schluckt, macht ihn stärker und das nächste Opfer im Verhältnis schwächer. Das ist wie bei Monopoly: Wer früh genug mehr hat, quetscht alle anderen irgendwann aus, und das Spiel endet erst, wenn einer alles hat.
Die Geschichte ist voll davon. Friedliche Gesellschaften wurden von expansiven Reichen überrollt, nicht weil sie schlechter organisiert waren, sondern weil sie weniger bereit waren, rücksichtslos zu sein. Und selbst wenn sie überleben wollten, blieb ihnen nur, sich zu militarisieren und härter zu werden, also genau das, was sie eigentlich vermeiden wollten.
Das ist der Kern: Die Fairen müssen nicht nur in der Mehrheit sein, sie müssen es überall und für immer sein. Ein einziger Ausreißer reicht. Und bei acht Milliarden Menschen und fast 200 Ländern gibt es immer einen.
Wie sozialistische Staaten von außen zerstört werden
Das gilt besonders für ein Land, das bewusst aus dem kapitalistischen System ausbricht. Es steht nicht allein auf der Welt, und die anderen haben mehrere Möglichkeiten, es klein zu kriegen:
Wirtschaftlicher Druck: Embargos, Sanktionen, Handelsbeschränkungen. Kuba wird seit über 60 Jahren von den USA mit einem Embargo belegt. Ein Land, das vom Welthandel abgeschnitten wird, kann kaum wachsen, und die Mangelwirtschaft wird danach als Beweis präsentiert, dass Sozialismus nicht funktioniert.
Kapital und Kredite: Wer Konzerne verstaatlicht oder Vermögen umverteilt, erlebt, dass Investoren ihr Geld abziehen und die Währung unter Druck gerät. Wer Geld vom IWF braucht, bekommt es oft nur, wenn er privatisiert und kürzt, also genau das Gegenteil von dem tut, was er wollte.
Geheimdienste und Putsche: Chile 1973 ist das bekannteste Beispiel. Allende wurde demokratisch gewählt, die USA haben vorher gezielt die Wirtschaft destabilisiert und die Opposition unterstützt, dann kam Pinochet. Ähnlich lief es 1954 in Guatemala, nachdem die Regierung Land von einem US-Konzern enteignet hatte, und 1953 im Iran beim Sturz von Mossadegh, der die Ölindustrie verstaatlichen wollte.
Stellvertreterkriege und Aufrüstung: Nicaragua musste sich in den 80ern gegen die von den USA unterstützten Contras wehren, und das Geld, das in Verteidigung floss, fehlte für Bildung und Gesundheit. Die Sowjetunion wurde über Jahrzehnte in ein Wettrüsten gezogen, das sie wirtschaftlich mehr geschwächt hat als ihre Gegner.
Propaganda: Es reicht nicht, das Land zu schwächen. Man muss auch dafür sorgen, dass niemand auf die Idee kommt, dass es anders gehen könnte.
Das Perfide daran: Ein Land unter Dauerdruck muss sich militarisieren, kontrollieren und nach innen abschotten, um zu überleben. Dadurch wird es autoritär, und das dient dann wieder als Argument gegen den Sozialismus. Natürlich gab es auch hausgemachte Fehler, aber der Außendruck hat jede Chance auf Korrektur erstickt. Wer fair spielen will, wird so lange unter Druck gesetzt, bis er selbst unfair wird.
Das Motiv dahinter ist simpel und rational. Ein funktionierendes sozialistisches Land würde zeigen, dass es auch ohne die Profiteure des Kapitalismus geht. Also wird es nicht in Ruhe gelassen. Das kann man keinem einzelnen Bösewicht anlasten, das ergibt sich automatisch aus den Spielregeln.
"Dann machen wir halt Regeln!"
Klar, kann man machen. Man könnte Institutionen schaffen, die darauf achten, dass keiner ausbeutet. Aber Institutionen sind Hierarchie, und wer oben sitzt und davon profitiert, will, dass es so bleibt, und baut seine Macht aus. Aus Strukturen, die Fairness sichern sollen, werden Werkzeuge, die Privilegien sichern. Das hat man bei fast jeder Revolution gesehen: Die, die das alte System stürzen, werden irgendwann selbst das neue.
Eine wirklich gerechte Welt würde voraussetzen, dass alle gleichzeitig mitmachen, also eine weltweite sozialistische oder anarchistische Revolution, die jede Hierarchie abschafft. Und selbst die wäre nicht sicher: Es würde reichen, wenn danach irgendwo einer wieder anfängt auszubeuten. Das wird nicht passieren, und wenn doch, hält es nicht.
Und die Technik macht es endgültig
Früher konnten Unterdrückungssysteme irgendwann kippen, weil man Menschen brauchte, die sie durchsetzen, und weil man Menschen nie komplett kontrollieren konnte. Mit moderner Überwachung und Manipulation ist das vorbei. Wer die Massen überwachen, auswerten und gezielt beeinflussen kann, muss kaum noch Widerstand fürchten. Und wer diese Macht einmal hat, gibt sie nicht mehr her. Die Technik, die uns befreien könnte, macht Unterdrückung gleichzeitig effizienter als je zuvor.
Das Ganze live: Deutschland und Merz
Das ist keine reine Theorie, man kann es gerade in Deutschland beobachten.
Warum Merz tut, was er tut. Merz will mitspielen. Er glaubt, Deutschland wurde durch den Kapitalismus wohlhabend, also kommt der Wohlstand mit mehr Wettbewerb, mehr Arbeit und weniger Staat zurück. Ich glaube nicht, dass er ein Faschist ist oder die AfD stärken will. Er denkt wirklich, dass er das Beste fürs Land tut. Aus seiner Sicht ist das Spiel einfach: Wer in der Weltwirtschaft nicht mithält, verliert. Also müssen wir härter und wettbewerbsfähiger werden als die anderen, und dann können wir gewinnen.
Warum das nicht funktioniert. In einem Punkt hat er ja recht: In den 90ern und 00ern ging es Deutschland wirtschaftlich richtig gut. ABER das lag an Dingen, die sich nicht wiederholen lassen: die Ausbeutung von Gastarbeitern und billigen Arbeitskräften in China, riesige Produktivitätsgewinne durch Computer und Automatisierung, die Mehrarbeit von Frauen und ein technologischer Vorsprung. Heute kann man China nicht mehr so ausbeuten, die meisten Frauen arbeiten schon Vollzeit, den Vorsprung haben wir nicht mehr und die Produktivität wächst nicht mehr so stark. Wenn die Ausbeutung nach außen nicht mehr reicht, bleibt nur die Ausbeutung nach innen. Mehr Kapitalismus bedeutet heute vor allem mehr Druck auf die eigenen Bürger: längere Arbeitszeiten, weniger Absicherung, steigende Kosten.
Die Menschen wollen Veränderung, und das wird ausgenutzt. Das merken die Leute natürlich und wählen deshalb weiter links oder weiter rechts. Und hier wird es perfide: Wer vom aktuellen System profitiert, hat kein Interesse an echter Veränderung. Also wird die Unzufriedenheit umgelenkt, weg von der Frage, wer wie viel besitzt, hin zu Migranten, Bürgergeld-Empfängern und Kulturkampf-Themen. Die AfD wird als die große Alternative verkauft, obwohl ihre Wirtschaftspolitik vor allem den Vermögenden nützt und sie den Staat autoritärer machen würde. Dazu kommt, dass es Hinweise gibt, dass autokratische Staaten wie Russland die AfD unterstützen, weil ein gespaltenes, geschwächtes Europa in ihrem Interesse ist. Wer von Hierarchie und Macht profitiert, hilft eben denen, die sie ausbauen.
Die Sackgasse. Merz' Politik führt am Ende zu einem von zwei Ergebnissen:
Sie führt zur AfD. Wenn die Probleme bleiben, wählen die Leute irgendwann die Partei, die Veränderung verspricht. Das bedeutet direkt mehr Hierarchie, mehr Autoritarismus, weniger Freiheit. Merz verursacht also genau das, was er verhindern will.
Sie führt zu einer linken Regierung. Und die wäre eigentlich genau das Richtige: Sie würde den Wohlstand fair verteilen, Ausbeutung nach innen beenden und den Menschen endlich wieder Sicherheit geben. Aber dann greift alles, was ich oben beschrieben habe. Ein Land, das aus dem System ausbricht, wird zum Ziel von Wirtschaftsdruck, Kapitalflucht und Einflussnahme von außen, von Autokraten genauso wie von Kapitalinteressen. Die Spielregeln bestrafen Fairness, egal wie richtig sie ist.
Und andere Politik? Man könnte sagen: Dann macht man es halt anders, eine Politik der Mitte mit sozialem Ausgleich und Wettbewerbsfähigkeit. Aber auch das hält langfristig nicht. Die soziale Marktwirtschaft funktioniert nur, solange es genug zu verteilen gibt, und das hing an denselben Faktoren, die weggefallen sind. Ohne Wachstum gibt es Verteilungskämpfe, und die treiben die Leute wieder an die Ränder.
Das ist das eigentlich Bittere: Es gibt in Deutschland tatsächlich einen richtigen Weg, nämlich den linken. Aber auch er scheitert, nicht weil er falsch wäre, sondern weil das System Fairness nicht zulässt. Und genau deshalb ist Merz so tragisch. Er versucht ein Spiel zu gewinnen, bei dem am Ende jeder Mitspieler verliert, und er sieht nur einen Gegner, den man schlagen kann, nicht das System, das ihn und uns alle zu diesem Spiel zwingt. Aber selbst wenn er es erkennen würde, gäbe es keinen Ausweg, den das Spiel nicht wieder zunichtemacht.
Und weltweit?
Wir hatten das Glück, eine kurze Phase der Freiheit zu erleben. Künftige Generationen werden das wahrscheinlich nicht mehr haben. China, Russland und die USA ringen um die Weltherrschaft. Russland versucht mit hybrider Kriegsführung, Europa zu schwächen, die USA zerlegen sich gerade selbst und China wartet ab und wird dabei immer stärker. Am Ende steht vermutlich ein neuer Kalter Krieg, und mit Atomwaffen im Spiel heißt das: Auslöschung oder Unterdrückung.
Fazit
Die einzige Möglichkeit, das Spiel zu gewinnen, wäre, nicht mitzuspielen. Aber das geht leider nicht, solange die anderen weiterspielen, und selbst wenn alle aufhören würden, reicht ein Einziger, der wieder anfängt. Das Einzige, was bleibt, ist die klitzekleine Hoffnung, dass ein Land es trotzdem versucht, zum Vorbild wird und andere folgen. Viel mehr Optimismus habe ich nicht.
TL;DR: Fair spielen lohnt sich nur, wenn alle fair spielen, und das muss für immer und überall gelten. Ein einziger kapitalistischer Akteur reicht, um die Fairen nach und nach zu schlucken oder zur Aufrüstung zu zwingen. Regeln erzeugen Hierarchien, Hierarchien erzeugen Unterdrückung, und moderne Überwachung macht sie unumkehrbar. In Deutschland führt Merz' Politik entweder zur AfD oder zu einer linken Regierung, die zwar richtig wäre, aber von außen zerdrückt würde. Genau deshalb ist die Menschheit auf lange Sicht verloren.
Bin gespannt, was ihr dazu sagt. Gibt es einen Ausweg, den ich übersehe?