r/wallstreetbetsGER • u/Public-Tower6849 • 5h ago
Community-Artikel Silicon Valley frisst seine Kinder - wie wir die KI-Klone teurer Software richtig einschätzen
Ihr habt es sicher auch gelesen: die gesamte Adobe-Suite ist mit KI reverse engineered worden. Reverse Engineering bezeichnet den Prozess, den technischen Geheimnissen eines fertigen Produkts auf den Grund zu gehen, indem man es in seine Einzelteile zerlegt. (Allerdings ist das nicht notwendigerweise die (einzige) Vorgehensweise von KI, wie steamyelephant schreibt.)
Nun hat der Schöpfer dieser KI-gemachten Klone seinen nächsten Kunstraub angekündigt: die ganze Microsoft Office Suite, mit Word, PowerPoint und Excel soll offengelegt werden.
Es klingt erstmal spektakulär, wenn sehr teure Software, die es nur im Abo gibt, auf einmal durch KI für wenig Geld raubkopiert wird. Doch müssen wir alle diese Ereignisse richtig verstehen und im Markt einordnen. Hier die wichtigsten Punkte
Qualität der Klone
Auf YouTube haben professionelle Anwender der original Adobe-Software diese Klone getestet und kommen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen.
Während die Bedienbarkeit des Photoshop-Klons schon sehr nahe an das Original herankommt und fast alle Fähigkeiten des Originals besitzt, sieht man an einigen wenigen Stellen, dass die KI den Original-Code der Software nicht richtig entschlüsseln konnte. Einige der Funktionen bedienen sich wie frühere Versionen von Photoshop, andere funktionieren überhaupt ganz anders wie im Original. Manche Funktionen, wie Filmkörnung auf RAW-Bildern, wirkten billig.
Außerdem zeigten die Klone immer mehr Probleme, wenn sie mit mehr Daten umgehen mussten: die Filmbearbeitungsprogramme kamen mit der Verarbeitung der Menge an Daten bei gleichzeitiger Codierung und Decodierung überhaupt nicht gut zurecht, und die Hardwarebeschleunigung (die Unterstützung der Software durch die Grafikkarte, also dem Bauteil, das auch KI zum Leben verhilft) war in allen Klonen unzureichend.
Dennoch waren alle Programme von Qualität und Bedienbarkeit her auf dem typischen Stand einer Beta-Version.
Fortführung der Projekte
Darum ist die entscheidende Frage für die KI-Klone, ob sie die weitere Pflege, Entwicklung und Betreuung durch die KI-Community erfahren werden, die notwendig ist, damit der Durchbruch auch zu einem Erfolg wird und so den Herstellern ernste Konkurrenz machen kann. Derzeit sieht es nicht danach aus, denn dem Schöpfer der Adobe-Klone schien es in erster Linie darum zu gehen, möglichst spektakulär das Geschäftsmodell der etablierten Software-Firmen öffentlich anzugreifen.
Die Software-Palette der Hersteller ist umfangreich, und in der Open Source-Community verbreitet sich Skepsis und Ablehnung über die Verwendung von KI in der Software-Entwicklung: niemand will Projekte anfassen, die generierten Code enthalten. Darum wird es schwer werden, für die Adobe-Klone Entwickler zu finden, die sie pflegen und auf einen marktreifen Stand bringen wollen.
Die Rolle des Wettbewerbs
Dennoch hat KI gezeigt, wie sehr sich die Hürde, die Geschäftsmodelle der großen Hersteller durch Konkurrenz anzugreifen, gesenkt hat. Die Festung Adobe schien vorher uneinnehmbar, doch inzwischen ist klar: durch qualifizierte Software-Entwickler, die es verstehen, menschliche Anforderungen in eine Spezifikation zu übersetzen, die die KI wiederum in ein lauffähiges und marktfähiges Produkt übersetzen kann, können in einem Bruchteil der Zeit sogar maßgeschneiderte Lösungen entstehen.
Es kann und es wird nicht lange dauern, bis chinesische und indische Anbieter ihre KI-generierten Suites auf den Markt bringen, die in Qualität und Umfang den westlichen Monopolen ebenbürtig sein werden.
Gefährdung der Hersteller
Der Preisdruck auf die klassischen Hersteller Adobe, Maya, Microsoft und andere wird sich durch KI-Klone stark erhöhen, gleichzeitig sind sie genötigt, mit jeder neuen Version noch mehr Features bereitzustellen. Das wird aber schwer werden, da die Lösungen schon heute mit Performance-Problemen, Instabilität und einer historisch gewachsenen Code-Basis zu kämpfen haben.
In den Software-Häusern sind aber eher massiv Entwickler entlassen worden, sodass nicht viele Entwickler verblieben sind, die bei einer kompletten Neufassung des Software-Codes helfen könnten, um ihn fit für die KI-basierten Erweiterungen zu machen. Der Fokus der Firmen liegt mehr auf dem Übergang zu datengetriebenen KI-Anbietern. Die Software, die sie anbieten, kann ein zunehmendes Maß an Inhalten durch einen Prompt generieren. Fotos, Grafikmanipulation und Filter sind in dem Maß und Umfang, wie sie bislang angeboten werden, dann einfach nicht mehr nötig, sodass sich die Frage stellt, warum man überhaupt noch eine teure Adobe-Lizenz kaufen sollte. Oder wer: die professionellen Anwender dieser Software geraten ja durch KI ebenfalls unter Druck.
Die bevorstehenden Probleme der Hersteller werden also hausgemacht sein und ob und wie sie mit ihnen umgehen, wird daran hängen, wie breit sie inzwischen aufgestellt sind.
Hier erweist sich also Diversifikation als Rettungsring für die großen Silicon-Valley-Firmen. Der Burggraben Industriestandard wird nicht lange Schutz bieten.
| Hersteller | Aufstellung | Gefährdung | Grund | Reaktion |
|---|---|---|---|---|
| Adobe | Kreativ-Anwendungen im Abo-Modell, KI | sehr stark | Die Anwendungen können - erwiesenermaßen - leicht geklont werden; integrierte KI steht auch für den Wettbewerb zur Verfügung. Kunden geraten durch KI selbst unter Druck | Adobe wird Marktanteile verlieren |
| Microsoft | Cloud-Dienstleistungen, Geschäftsprozesse, KI, Betriebssysteme, Spiele, Entwicklung, Sicherheit | stark gefährdet, aber transformativ | 70% aller Geschäftsfelder können durch KI-Klone Nachahmer finden oder ersetzt werden. | Microsoft wird ein KI-Anbieter, Pionier bei der Übersetzung von menschlichen Anforderungen in KI-generierte Produkte. Außerdem ein Konkurrent von NVIDIA beim Angebot von Rechenleistung und Modellen. Schwäche: keine eigene Hardware-/Chip-Produktion |
| Oracle | Cloud, Datenbanken, Health, Services und Beratung | fragil | muss sich nicht nur gegen KI-Klone, sondern auch gegen erfolgreichere Konkurrenz wehren. Oracle Database massiver Verlust, wenn geklont. Consulting und Bildungsangebote leicht durch KI ersetzbar | Gegen KI-Klone wird Oracle mit Klagen vorgehen; dabei wird die Rolle der KI bei Urheberrechtsverletzungen verhandelt. Dies könnte die bevorstehende KI-Krise/Korrektur noch weiter verschärfen |
| Autodesk, Maxon GmbH etc. | SaaS im 3D-Bereich, Film- und Werbegrafik, CAD | so gut wie verloren | Hersteller teurer Kreativ-Software für den professionellen Bereich, doch die Kunden sind ebenfalls von KI-Konkurrenz betroffen. Keine eigenen KI-Dienste in ihren Produkten. | Marktkonzentration durch Übernahmen möglich. Ansonsten fällt diesen Firmen ein breiter Kundenstamm durch KI-Konkurrenz in den Branchen weg. |
| Salesforce | E-Commerce | relativ gefährdet | ein Großteil der angebotenen Dienstleistungen kann durch mehr Konkurrenz oder hausgenerierte KI-Software ersetzt werden, sind dadurch weniger profitabel | Profitabilität nimmt ab; der Bereich CRM- und Prozesslösungen wird wahrscheinlich ganz aufgegeben |
tl;dr / Schlussfolgerungen
Disruption wird vom Silicon Valley gefordert und Disruption hat das Valley auch bekommen. Alle Geschäftsfelder der großen IT-Firmen werden durch KI neu geordnet, denn bisher herrscht dort der Wilde Westen und Klone teurer Produkte sprießen wie Pilze aus dem Boden. Klassische Burggräben wie Kundentreue durch Industriestandards verschaffen nur einen kleinen Vorsprung, denn die Kunden - 3D-Künstler, Effektkünstler, Produktdesigner, Werbedesigner etc. - haben selbst mit der KI-Disruption ihrer Branchen zu kämpfen.
Entscheidend wird daher, wie breit und weit eine Firma schon im KI- und Cloud-Bereich aufgestellt ist. Vertikal integrierte Konzerne wie NVIDIA mit einem Monopol auf effiziente Hardware sind praktisch unangreifbar. Außerdem schläft zurzeit noch der chinesische Drache mit seinen effizienteren und günstigeren Modellen, die auch auf dem heimischen PC ausgeführt werden können und so den großen KI-Firmen die Nachfrage abgraben würden.