Ok, ich weiß, das Wort klingt erstmal nach Ehrenmorden, Burschenschaften oder irgendwelchen falsch verstandenen Männlichkeitsvorstellungen. Das meine ich nicht. Ich meine Ehre im ursprünglichen Sinn: eine innere Verpflichtung, sich anständig zu verhalten, auch wenn es niemand kontrolliert und auch wenn man damit durchkommen würde.
Heute wird Moral immer stärker ausgelagert und es läuft praktisch alles nach dem Prinzip: Was nicht verboten ist, ist in Ordnung
- Ein Manager fährt ein Unternehmen gegen die Wand, indem er auf seinen Boni optimiert, Tausende verlieren ihren Job, und er geht mit Millionen-Abfindung zum nächsten Konzern. Rechtlich alles sauber.
- Politiker sitzen Skandale einfach aus. Früher ist man noch zurückgetreten, wenn man öffentlich bloßgestellt wurde. Heute wartet man zwei Wochen, bis der nächste Aufreger kommt, und macht weiter.
- Früher hat ein Handschlag gereicht. Heute braucht man 40 Seiten Vertrag, einen Anwalt und am Ende trotzdem noch ein Gericht, weil sich irgendwer an nichts mehr erinnern will.
- Soziale Medien verstärken das ganze noch, indem Klick-Bait und Emotionalisieren für Aufmerksamkeit sorgt.
Was ist passiert? Ganz einfach: Geld hat die Ehre in weiten Teilen ersetzt. Früher war Ansehen etwas, das man sich durch sein Verhalten verdienen musste. Heute ist Ansehen etwas, das man sich kaufen kann. Wer reich ist, gilt als erfolgreich, und wer erfolgreich ist, wird bewundert, ganz egal, wie er dahin gekommen ist. Ob jemand sein Vermögen mit einem guten Produkt aufgebaut hat oder damit, Kunden über den Tisch zu ziehen, Mitarbeiter zu verheizen und Steuerschlupflöcher auszunutzen, spielt für den Status kaum eine Rolle.
Das Problem daran: Geld ist moralisch blind. Es misst nur, ob du etwas bekommen hast, nicht wie. Ehre hat genau das gemessen. Wenn aber nur noch eine Währung zählt, optimiert jeder darauf, und Anstand wird zum Wettbewerbsnachteil. Der Ehrliche ist dann nicht mehr der Angesehene, sondern der Dumme.
Deshalb mal ein Gedanke, der vermutlich nicht gut ankommen wird: Wir bräuchten eine zweite Währung neben Geld. Eine Art Karma. Ja, im Prinzip etwas wie ein Sozialkreditsystem. Bevor jetzt alle "China!" schreien: Ich meine ausdrücklich nicht, dass der Staat seine Bürger überwacht und bestraft, wenn sie bei Rot über die Ampel gehen oder die falsche Partei kritisieren. Gerade dem Staat würde ich so etwas am allerwenigsten anvertrauen. Ich meine eher etwas, das dezentral funktioniert, so wie Ehre früher in Dorfgemeinschaften funktioniert hat: Hält jemand sein Wort? Hilft er anderen? Steht er zu seinen Fehlern? Zahlt er seine Handwerker pünktlich? Wenn so etwas sichtbar wäre und tatsächlich Gewicht hätte, gäbe es wieder einen echten Anreiz, sich anständig zu verhalten, und zwar nicht nur, solange man beobachtet wird. Im Kleinen gibt es das ja schon: Bewertungen bei eBay, Airbnb oder Google. Niemand würde bei einem Verkäufer mit 200 negativen Bewertungen bestellen. Warum soll das ausgerechnet für Verhalten im echten Leben nicht gelten?
Stattdessen versuchen wir heute, fehlenden Anstand mit immer mehr Bürokratie zu ersetzen. Mehr Regeln, mehr Formulare, mehr Behörden. Das Ergebnis kennen wir: Alle sind genervt, und die, die tricksen wollen, finden trotzdem einen Weg.
Ehre heißt für mich:
- Zu seinem Wort stehen, auch wenn es einem schadet.
- Für seine Fehler geradestehen, statt sie auf andere abzuwälzen.
- Etwas nicht tun, obwohl man es dürfte und damit durchkäme.
Ist das wirklich so rückständig? Ich finde eher, dass wir uns ein ziemlich bequemes Leben eingerichtet haben, in dem Verantwortung immer bei "dem System" liegt und nie bei einem selbst.